12Mai

#RP17 Rückblick: Cocktailparty ohne „Kanacken“

Die re:publica ist ein Cocktail. Zutaten: Frischzellenkur, Bildungsurlaub, Netzwerken und Party. re:publica macht besoffen und süchtig. Viele kommen seit Jahren. Aus freien Stücken, und zahlen. Selbst den unverschämten Aufpreis von 66 EUR an der Tageskasse im Vergleich zu den 199 EUR, die das Ticket noch kurz zuvor online gekostet hat.

Netzwerken und Party brauchen keine Erklärung. Zur Frischzellenkur: für einen alten, weißen, zunehmend grauhaarigen Mann, der als Journalist einst seine ersten Artikel auf einer Schreibmaschine schrieb, sind drei Tage mit Leuten in einem Alter, die seine Kinder sein könnten, so etwas wie ein Jungbrunnen. Mit Bildungsurlaub ist nicht der gesetzlich geregelte gemeint, auf den Selbstständige und Freiberufler eh keinen Anspruch haben, sondern vielmehr der Umstand, dass man auf der re:publica durchaus Neues lernen kann. Und das ist richtig gut. Das Angebot des Programms ist vielfältig und reichhaltig und man kann gar nicht auf alle Sessions gehen, auf denen man gern dabei wäre.

Blindverkostung bei den re:publica-Sessions

Es gibt Redner, die gehören zum Inventar der re:publica. Neben den Gründern um Johnny und Tanja Häusler sowie Andreas Gebhard und Markus Beckedahl etc. gehören dazu etwa Sascha Lobo und Gunter Dueck. Die genannten Speaker gehören sicherlich zu den Highlights. Passend zum Thema „Love out Loud“, das sich gegen Hass, Fake und Repressalien nicht nur im Netz wendet, konnten prominente Redner aus dem Ausland gewonnen werden, etwa Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhurriyet, Katarzyna Szymielewicz Aktivistin aus Polen, der ägyptische Netzaktivist Ramy Raoof, der ungarische Journalist Marton Gergely oder der ehemalige Schachweltmeister und heutige Oppositionspolitiker aus Russland Gary Kasparow. Zudem gibt es jedes Jahr großartige Speaker-Premieren. Im letzten Jahr was das Carolin Emcke, die damals schon über Hass sprach, in diesem Jahr war es Elisabeth Wehling, die über die Macht der Sprachbilder im Wahlkampf referierte. Aber das Programm bietet noch mehr. So gab es eine Reihe von Sessions zu dem Thema Ozeane und Smart Cities. Grundsätzlich ist die Wahl einer Session ein kleines Lotteriespiel bzw. ähnelt einer Blindverkostung. Die im Programm genannten Themen sind fast alle ebenso verheißungsvoll, wie die Namen vieler Speaker unbekannt. Nun könnte man denken, dass die Saalgröße, die vom Orga-Team zugeordnet wurde, eine gewisse Orientierung bieten könnte. Weit gefehlt: Während im Plenum der mit Abstand größten Stage 1 oftmals gähnende Leere herrschte, war der Zutritt zu mehreren anderen, großen Stages vor Beginn der Session wegen Überfüllung längst verschlossen. Hingegen sind oftmals wahre Perlen der re:publica auf kleinen Stages (8, 9, J, T) zu finden. Der Zutritt zu den kleinen Stages ist allerdings meist auch nicht leicht.

Diese Cocktails gehen zurück

Ungenießbar sind in jedem Jahr die Sessions der Berlin Media Convention. Etwas überspitzt läuft das dort so: brave Vice Presidents der Sponsoren, die weder etwas zu entscheiden haben, noch eine Meinung haben dürfen, antworten auf vorher abgesprochene Fragen gekaufter Moderatoren. Was dabei rauskommt ist Murks und ist peinlich für eine Zunft, zu der auch der Autor gehört: Unternehmenskommunikation und PR-Beratung. Dieser Murks lässt sich aber leicht umschiffen: Konsequent jede Session der Media Convention Berlin vermeiden. Dann hat man nach drei Tagen unterm Strich trotz aller Unwägbarkeiten bei der Blindverkostung der re:publica-Sessions weniger Kopfschmerzen.

Das Eingemachte passt nicht

Richtig gute Cocktailbars haben ihren eigenen Rumtopf. Der Rumpftopf der re.publica ist jedoch gekippt, und ist auch schon seit Jahren nichts mehr geworden. Einst gestartet als ein Forum auf dem gesellschaftliche Zukunftsthemen im Kontext der Digitalisierung diskutiert wurden, hat sie immer noch den selben Anspruch. Der Anspruch geht in Ordnung. Nur, er wird nicht mehr erreicht. Denn die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Als die re:publica in der Kalkscheune stattfand, mögen einige noch gemeint haben, in Deutschland zu leben. Heute liegt Berlin in Europa und zwar umso mehr, als dass Europa und Demokratie zunehmend von Gegnern bedroht werden. Das Orga-Team hat das erkannt. Es reicht allerdings nicht, ein paar prominente Speaker aus dem Ausland – siehe oben – und darüber hinaus Referenten überwiegend aus dem Angelsächsischen einzufliegen. Denn der Diskurs soll ja nicht nur auf den Panels stattfinden, sondern vor allem im Plenum unter den Teilnehmern. Solange unter den Bezahlgästen und Sponsoren gefühlt 100% Biodeutsche sind, die sich alljährlich zum „Klassentreffen“ in der Station einfinden, wird das aber nichts. Es wäre zu wünschen, dass das Orga-Team eine Strategie entwickelt und umsetzt, damit die re:publica ein wirklich internationales, mindestens aber europäisches Format erreicht. Nüchtern betrachtet ist es nämlich so: In jeder Apfelweinkneipe in Frankfurt am Main geht es diverser zu als auf der re:publica. Das sollte zu denken geben. Oder wie mein türkischstämmiger Schwager meinte: „Ich bin der einzige Kanacke hier.“

 

1 Comments

  • Stefan Sturm
    Juni 5, 2017 Antworten

    Lieber Michel,
    sehr guter Artikel und genauso habe ich es auch gesehen. Hoffen wir auf Besserung.
    Gruß
    Stefan

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